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o. T. (Sumerische Gesetzestafel), von Berrin Gökcen - 1996

Leinwand mit zentraler Metalltafel und Keilschrift, von Sand umgeben.

Die Arbeit der türkischen Künstlerin Berrin Gökcen hat, wie Dorothee von Windheim, mit Abnahme und Reproduktion zu tun und wie Chihiro Shimotani mit der Bearbeitung archaischer Gesetzestexte, deren Gewalt und Alter uns Respekt abverlangen, wenn sie auch, anders als der biblische Dekalog, für unser Leben keine Aktualität besitzen. Dass es sich bei den Zeichen auf der metallen Bildtafel um Gebote handelt, kann der Betrachter zunächst einmal lediglich erahnen; er bekommt es jedoch durch den Titel der Arbeit „Sumerische Gesetzestafel“ bestätigt.

Die Sumerer waren die ältesten bekannten Einwohner Babyloniens, des fruchtbaren Zweistromlandes zwischen Euphrat und Tigris; auf die Sumerer geht die Entwicklung der Keilschrift zurück, benannt nach ihren keilförmig gebildeten Zeichen. Ihr wohl berühmtester König Hammurapi regierte im Zweistromland um 1700 vor Christus. Anfang des Jahres 1902 fanden Archäologen auf der Akropolis von Susa, der ehemaligen Hauptstadt des Babylonien benachbarten Reiches Elam, eine über zwei Meter hohe Stele, die Hammurapi zugewiesen werden konnte. Die Inschrift auf der Stele ist ein Gesetzestext, der zu den bedeutendsten und ältesten erhaltenen Texten seiner Art gehört. Prolog und Epilog, die vor allem der Verherrlichung des gerechten Königs Hammurapi dienen, rahmen eine lange Folge von hauptsächlich lebenspraktisch orientierten Gesetzen. Ein Großteil der Gebote bedient sich dabei des alttestamentarischen Vergleichungsprinzips „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Zwar werden sie nicht wie die mosaischen Gebote direkt auf göttliche Eingebung zurückgeführt, jedoch wirken die Götter durch Hammurapi, den sie zur Herrschaft berieten, und göttliche Rache droht demjenigen, der seine Gesetze missachtet.

Die Künstlerin Berrin Gökcen geht in vielen ihrer Arbeiten auf Spurensuche, forscht nach den Hinterlassenschaften lang vergangener Kulturen. Ihre „Archäologie“ ist ihr immer auch Frage nach Aktualität, die Neugier auf das Alte immer auch der Wunsch nach Aufbruch. Von der Stele des Hammurapi, die sich heute im Louvre befindet, hat sie einen Teil des Textes abgenommen und in schimmerndes Metall gegossen. Ablagerungen rostbrauner, kristalliner Gesteinsspuren umrahmen die Metalltafel, als erzählten sie von der jahrtausendealten Geschichte der Stele, vom Schrumpfen nach Spuren, ihrer Auffindung im Sand. In ähnlicher Weise sprechen die uralten Zeichen von Dingen, die für die meisten Betrachter jenseits der wörtlichen Verständlichkeit liegen – ein verschlüsseltes System, dessen Funktion als Informationsquelle uns jedoch bewusst bleibt. Auf der Suche nach einer verborgenen Bedeutung beginnen wir, auf die Schönheit der Zeichen zu achten, die den Wunsch nach Entzifferung wie auch den Genuss des Geheimnisses, der möglichen Bedeutungen, gleichermaßen lebendig hält.  

Magdalena Holzhey